Interview mit Restaurator Karl-Heinz Gradert
Aus: Lippische Landes-Zeitung / www.lz-online.de
(LZ-Serie: Denkmal-Lust und Denkmal-Frust)
Seine Hände sind sein Kapital

26./27.02.2011:Maurermeister Karl-Heinz Gradert ist Spezialist in Sachen Fachwerkhäuser.
Seit mehr als 40 Jahren verputzt
Karl-Heinz Gradert
Fachwerkbauten, dämmt und
saniert sie. Und er entdeckt
Fehler seiner handwerklichen
Vorgänger.
Bad Salzuflen. In wie vielen
historischen Häusern Karl-Heinz Gradert schon gearbeitet
hat – er kann es nicht genau
sagen. Der Maurermeister und
geprüfte Restaurator kümmert
sich seit mehr als vier Jahrzehnten
um alte Bauten. Das Haus
am Pfarrkamp, das heute die
Bad Salzufler Künstlervereinigung
"Das Fachwerk" nutzt,
hat der 63-Jährige in Handarbeit
aufgemöbelt. Die Wassermühlen
in Kalletal-Hohenhausen
und Schloß-Holte hat
er saniert.
Alle Maurerarbeiten, die der
Salzufler ausgeführt hat, hat er
auch genau dokumentiert. Mit
Fotos, Zeichnungen und handschriftlichen Notizen.
Warum er sich ausgerechnet
auf Fachwerkhäuser spezialisiert
hat? Karl-Heinz Gradert
liefert dafür eine simple Antwort:
"Ich habe in Salzuflen gelernt,
hier kommt man oft mit
Fachwerkhäusern in Berührung."
Und seine Berufserfahrung
habe dem 63-Jährigen auch gezeigt,
dass heute andere Maßstäbe
gelten als noch vor 30 Jahren.
"Da wurden so viele Fehler
gemacht, falsche Baustoffe gewählt,
zu viel Zement genommen",
lautet seine Einschätzung.
Aber nicht nur in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts
habe es aufgrund von damals
gängigen Bauverfahren Missgriffe gegeben. Zu Entstehungszeiten
vieler Fachwerkhäuser
sei unter anderem das
Fundament nicht so geprüft
worden, wie es heute bei Neubauten
nötig ist.
Alte Gebäude müssen mit einem
anderen Blick betrachtet
werden, bemerkt Karl-Heinz
Gradert. Der geprüfte Restaurator
lasse sich bei Arbeiten in
und an Fachwerkhäusern nicht
unter Zeitdruck setzen, wie dies
bei Neubauten üblich sei. "Ich
entdecke beim Freilegen oft Sachen,
die ich dort vorher nicht
vermutet hätte", betont der
Maurermeister. Ein Haus mit
Geschichte beherberge eben oft
Geschichten.
Je länger er sich mit Fachwerkhäusern
beschäftigt, umso
sorgfältiger wird der Salzufler,
wie er sagt. Auch habe sich im
Laufe der Jahre und Jahrzehnte
das Wissen ums Material verändert:
Der Lehmputz komme
als Baustoff zurück, weil eine
Lehmdämmung gesünder sei
als Styropor und Klebematerial.
50 Prozent Baugeschichte, 50
Prozent Praxis – was schon Teil
seiner Restaurator-Prüfung
war, hat heute mehr denn je Bestand
für Karl-Heinz Gradert.
Und wenn der geprüfte Restaurator
nach einem Arbeitstag auf
sein mit eigenen Händen geleistetes
Werk schaut, kann er sich
keinen anderen Beruf für sich
vorstellen: "Wenn ich sehe, was
ich schaffe, bin ich zufrieden",
sagt er. Seine Arbeit will der
63-Jährige noch so lange wie
möglich machen und eines ist
ihm auch wichtig: Er möchte
sein Wissen und seine Erfahrung
weitervermitteln.
Von: Katharina Pavlustyk


